Nr. 42 vom 20. Oktober 2001

Bauernblatt für Schleswig-Holstein und Hamburg

Autor Dr. Hans Peter Stamp

Logisch ?

Naturschutz und Landwirtschaft werden irrtümlicherweise oft als Gegenpole betrachtet. Wo große Flächen intensiv benutzt werden, da habe die Natur keine Chance und die Artenvielfalt gleich gar nicht, lautet ein weit verbreitetes Vorurteil. Das hat die Fördergemeinschaft Nachhaltige Landwirtschaft e. V. (FNL) jetzt durch eine groß angelegte Untersuchung widerlegt. Drei Jahre lang haben die Biologen Claus Albrecht, Thomas Esser, Horst Klein und Jochen Weglau vom Kölner Büro für Faunistik vier verschiedene Agrarbetriebe (1. Geratal Agrar GmbH in Andisleben, Thüringen; 2. Gerbstedter Agrargenossenschaft e.G., Sachsen-Anhalt; 3. Ellenthaler Hof bei Dahlem, Nordrhein-Westfalen; 4. Familie Schneider in der Mechernicher Voreifel, Nordrhein-Westfalen) untersucht. Im Ergebnis haben sie folgendes festgestellt:

Auf den untersuchten Flächen der Agrargenossenschaften Ostdeutschlands und der ebenfalls integriert wirtschaftenden Familienbetriebe in der Eifel (Nordrhein-Westfalen) lebt immerhin ein Fünftel aller Arten von Vögeln, Tagfaltern, Laufkäfern, Heuschrecken und Spinnen, die in Deutschland insgesamt vorkommen. Insgesamt machen die Ergebnisse eines klar: Wenn Äcker und Felder bewirtschaftet werden,, geht die Zahl aller Tier- und Pflanzenarten zurück, und zwar auch dann, wenn wie im ökologischen Landbau weniger bzw. fast keine Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Allein schon Aussaat, Pflege und Ernte bedeuten massive Eingriffe in Fauna und Flora. Die Lösungsansätze für das Artenschutzproblem liegen deshalb auch nicht so sehr auf den unmittelbar bewirtschafteten Flächen, sondern an ihren Rändern.

Es geht um die "Ackerbegleitbiotope". Das sind z.B. Krautstreifen zwischen bewirtschafteten Flächen, aber auch Gräben, Hecken, Alleen mit Obstbäumen, Windschutzpflanzungen und alle Arten von Flächen, die weitgehend sich selbst überlassen bleiben. Unschlagbar sind in dieser Hinsicht die schleswig-holsteinischen Knicks. Es wird deshalb auch nicht überraschen, dass ein den FNL-Projekten vergleichbares Projekt in unserem Lande noch eindrucksvollere Resultate zeigt. Auf einer Projektfläche zum integrierten Landbau in Rade bei Rendsburg wurden auf nur gut 40 ha 58 Tierarten und 21 Pflanzenarten der Roten Listen gefunden.

Dieses Projekt der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein lieferte nicht nur unschätzbares Material und Wissen für eine zukunftsorientierte Landwirtschaft, das sowohl die konventionellen als auch die ökologischen Betriebe verwerten können; es brachte auch Erkenntnisse, die für eine Grundsatzdiskussion um die Roten Listen von hohem Wert sein werden. Die gefundenen Arten hat niemand dort hingebracht. Sie waren, vielleicht mit Ausnahme einiger Rastvogelarten, auch schon vorher da.

Zwei Gründe werden hauptsächlich dafür verantwortlich sein, dass man so viele Arten der Roten Listen fand. Zum einen hat man besonders sorgfältig gesucht; Biologen, die ihre wichtigste Aufgabe darin sehen, das Fehlen von Arten zu beklagen, waren in Rade nicht gefragt. Und zum anderen wurde durch die gezielten Maßnahmen die Zahl der Individuen pro Art erhöht, mit der Folge, dass die Wahrscheinlichkeit, etwas zu finden, größer wurde. Demnächst wird der Leiter des Rader Projektes, Dr. Nils Cramer, die Ergebnisse dem Landeshauptausschuss des Bauernverbandes Schleswig-Holstein vorstellen. Eine Kurzfassung der Ergebnisse liegt als Sonderausgabe der Betriebswirtschaftlichen Mitteilungen der Landwirtschaftskammer bereits vor.