Nr. 11 vom 16. März 2002

Bauernblatt für Schleswig-Holstein und Hamburg

Autor: Dr. Hans Peter Stamp

Logisch ?

Einer der größten Umweltgurus hat einmal gesagt, wer Grenzwerte festlege, toleriere die Vergiftung unterhalb der Grenzwerte. Grenzwerte seien Persilscheine dafür, die Menschheit ohne Strafe zu vergiften. Den Grenzwertfestsetzern ginge es darum, das zulässige Maß an Vergiftung zu definieren, was bedeute, Vergiftung grundsätzlich zuzulassen. Nehmen wir einmal an, eine gute Fee würde den Wunsch dieses Gurus erfüllen und alle Grenzwerte auf Null heruntersetzen. Es wäre dann die gesamte Industrie, also auch die Nahrungsmittel- und Arzneimittelindustrie verschwunden. Baumaterialen aus Stein wegen der Strahlenbelastung und aus Holz - wegen Holzschutzmittel gäbe es nicht. Wir würden auf dem nackten Boden leben und keine Kleidung haben, denn Tierfelle und Leder werden chemisch gegerbt, was auch nicht mehr in Frage käme. Die Fee hätte einen Großteil der uns bekannten Nahrungsmittel entfernt, da diese Gifte gegen natürliche Feinde enthalten. Fast jeder Bereich, in dem heute mit Grenzwerten gearbeitet wird, stünde zur Abschaffung an.

Die Forderung nach generellen Grenzwerten von Null ist gleichbedeutend mit der Forderung auf Schluss mit der Menschheit. Nullgrenzwerte haben noch ein weiteres Problem: 600 mg Chlor pro Liter Wasser sind nach der Deutschen Trinkwasserverordnung zugelassen. Damit sollen Keime abgetötet werden. In den USA gab es vor einigen Jahren eine Chlorhysterie und der Zusatz von Chlor wurde zeitweilig verboten. Die Keimzahlen im Wasser schnellten hoch und das Verbot musste wieder weg. Im südamerikanischen Peru lief es noch schlimmer. Dort bezahlte man den Verzicht auf Chlor mit einer Choleraepidemie und mit über 7000 Toten. Die Verbote in USA und Peru wurden von ihren Verfechtern damit begründet, dass Nebenprodukte der Trinkwasserchlorung Krebs erzeugen können. Selbst wenn dass richtig war oder ist, gilt das Zitat von Walter Kremer in seinem Buch "Die Panikmacher". Kremer schreibt über die 7000 Toten: "So viele Peruaner wären selbst dann nicht an Krebs gestorben, wenn sie alle reines Chlorgas eingeatmet hätten...".

Am Rande sei vermerkt, dass wir in der Landwirtschaft mit einem Grenzwert zu leben gelernt haben, von dem man einmal annahm, er sei dem Wert Null gleichzusetzen. Es gibt also die große Ausnahme, ja, in Deutschland leben wir in einem bestimmten Bereich tatsächlich mit einer Nulloption. Der Grenzwert von 0,1 g pro Kilogramm bei Pflanzenschutzmitteln im Trinkwasser, der einmal als Nullgrenzwert gedacht war, weil es zu dem Zeitpunkt die Nachweisgrenze war, wird heute in der Praxis eingehalten. Das war eine große Leistung von landwirtschaftlicher Praxis, Beratung, Industrie und Forschung. Es hat aber auch viel Geld gekostet. Und man muss die Frage stellen, ob man mit dem Geld nicht woanders mehr Schutz für Menschen hätte schaffen können. Wenn man bedenkt, dass in den Ländern der Dritten Welt heute noch 80 % aller Krankheiten auf verseuchtes Trinkwasser zurückgehen, wären Investitionen in die Trinkwasserqualität in diesen Ländern vermutlich sinnvoller gewesen, als das, was hier geschehen ist. Andererseits wird niemand auf die Idee kommen, dass in Deutschland erreichte bei Pflanzenschutzmitteln und Trinkwasser zurückdrehen zu wollen.

Ach ja, eine wirkliche Nulloption haben wir natürlich bei Pflanzenschutzmitteln auch nicht mehr. Die ist quasi durch eine Verbesserung der Labortechnik abgeschafft worden. Das, was bei der damaligen Nachweisgrenze ein Nullwert war, müsste heute nach Auffassung des eingangs zitierten Gurus auch abgeschafft werden, weil es zum Grenzwert avanciert ist. Irgendwann werden sie einzelne Moleküle zählen können, und spätestens dann werden sie wissen, dass jeder Stoff überall ist.