Nr. 33 vom 17. August 2002

Bauernblatt für Schleswig-Holstein und Hamburg

Autor: Dr. Hans Peter Stamp

Logisch ?

Noch vor wenigen Jahrzehnten gab es für die pflanzlichen Konkurrenten unserer Kulturpflanzen kein anderes Wort als "Unkraut". Bedenkt man, dass die Vorsilbe "un-" ein Wort vom Sinn her in sein Gegenteil zu verkehren pflegt, ist das in der Tat eine sehr harte Bezeichnung. So wird aus dem Sinn der Unsinn, aus der Tat die Untat und neuerdings aus dem Wort das Unwort. Der Sprachwissenschaftler Wolf Schneider spricht davon, dass wir "ein Kind, das sich am Löwenzahn freut, mit der Wortkeule Unkraut auf Vertilgung programmieren." Das ist im Prinzip so richtig, es entspricht auch der Interessenlage der Menschen, so lange es Ackerbau gibt. Andererseits ist die Natur ohne jeden Zweifel nicht nur für den Menschen da, auch wenn wir den Schutz der Natur um der Erhaltung der Lebensgrundlagen des Menschenwillen für vorrangig halten. So gibt es seit mehreren Jahrzehnten angestoßen aus dem Bereich des Naturschutzes - eine Diskussion um die Suche nach einem geeigneten Ersatzwort für Unkraut.

Ein solches Wort ist Ackerwildkraut. Es hat sich unter den vielen diskutierten Varianten wohl bisher am stärksten durchgesetzt. Lesen wir, was Jens Lüning (Professor für Vor-, und Frühgeschichte) in "Anfänge und frühe Entwicklung der Landwirtschaft im Neolithikum" schreibt: "Durch die Domestikation erfuhren die für die Nahrungszwecke angebauten Kulturpflanzen eine genetische Umstrukturierung. Mit Ihnen und ursächlich für sie entstanden neue vom Menschen geschaffene Standorttypen, derer sie in Zukunft für ihre Existenz bedurften: Hier wurde die natürliche Sukzession ebenso verhindert, wie die natürliche Konkurrenz. Auf diese als permanente Pionierstandorte zu bezeichneten Äcker drangen schnell zahlreiche Wildpflanzen vor, die sich den anthropogen Gegebenheiten anpassten und daher ebenfalls genetisch Änderungen erfuhren."

Wenn sie genetische Änderungen durch das Handeln des Menschen erfuhren, passt der Begriff Wildpflanze nur bedingt. Lüning geht noch weiter und sagt: "Diese Unkräuter können keineswegs als Wildpflanzen oder Ackerwildkräuter bezeichnet werden, sondern sie sind, historisch gesehen, Ergebnisse menschlicher Landwirtschaft." Lüning verwendet dann auch das Wort Ackerunkräuter, vielleicht sollte man mit ihm über das wertneutrale Wort Beikräuter diskutieren.

Die Agrarhistoriker erwägen bei einigen dieser Beikräuter inzwischen ernsthaft, ob sie nicht im Neolithikum teilweise auch als nützlich empfunden wurden. So geht man davon aus, dass die Roggentrespe (Bromus secalinus), die bei steinzeitlichen Ausgrabungen im Rheinland regelmäßig und teilweise in hohen Anteilen zusammen mit Emmer und Einkorn gefunden wurde, wegen ihrer stärkehaltigen Samen erwünscht war. Die Funde lassen angeblich den Schluss zu, dass sie gemeinsam mit Weizen auf denselben Feldern wuchsen und bewusst mitgeerntet wurden. Ähnlich denken die Forscher über den weißen Gänsefuß (Chenopodium album), der sowohl als Stärkelieferant und zugleich durch seine Blätter als Gemüsepflanze beliebt gewesen sein dürfte. Er stellt in der frühen Jungsteinzeit bei Ausgrabungen "die häufigste Unkrautart dar", so Lüning.