Nr. 51 vom 21. Dezember 2002

Bauernblatt für Schleswig-Holstein und Hamburg

Autor: Dr. Hans Peter Stamp

Logisch ?

Mit seinem Buch "Apokalypse No" hat Björn Lormborg einige Aufregung erzeugt. Selbst war er einst Umweltaktivist und lehrt Statistik an der Universität in Arhus. Er schreibt selbst, dass er sich als altes linkes Greenpeacemitglied lange mit Umweltfragen beschäftigt habe. Gleichzeitig habe er aber seinen Studenten immer wieder gepredigt, dass die Statistik eine der besten Methoden sei, herauszufinden, ob unsere gesellschaftlichen Überzeugungen der Überprüfung standhalten oder sich als Mythen erweisen. Eines der Kapitel in seinem Buch hat die Überschrift "Sollen wir auf Pestizide verzichten?" Dabei beschäftigt er sich zunächst mit den Risiken von Pflanzenschutzmitteln und kommt zu dem Ergebnis, dass man ihre krebserregende Wirkung insgesamt vernachlässigen könne. Er zitiert eine Studie, nach der in USA angeblich 20 von 560.000 Todesfällen auf Pflanzenschutzmittel zurückgehen. Er übernimmt diese Zahl, wohl, weil er sie selbst nicht überprüfen kann, fügt aber gleichzeitig hinzu, dass jährlich 300 Amerikaner in der Badewanne ertrinken, und dennoch das Baden in der Wanne nicht verboten wird. Gleichwohl, er lässt die Zahl 20 so stehen. Wir haben in Deutschland strengere Maßstäbe und die Zahl 20 ist auf keinen Fall auf Deutschland übertragbar. Umgerechnet nach Bevölkerungszahl läge sie bei fünf bis sechs, wahrscheinlich ist sie Null. Gleichwohl wollen wir seinen Gedanken einmal folgen.

Er stellt nämlich eine ganz andere Frage. Was wäre nach einem völligen Verzicht auf Pflanzenschutzmittel? Zur Beantwortung dieser Frage stellt er zunächst ökonomische Berechnungen an und kommt zu dem Ergebnis, dass geringe Einschränkungen des Verbrauchs an Pflanzenschutzmitteln ökonomisch zu verkraften seien, radikale Einschnitte aber kaum, allein wegen der Hungersgefahr. Dabei ist die große Spannweite der errechneten Kosten bei verschiedenen von ihm berücksichtigten Autoren auffällig. Ein völliger Verzicht in den USA wird mit Kosten von 20 300 Milliarden Dollar angegeben. Lomborg spricht in dem Zusammenhang von "mindestens einer Milliarde Dollar pro gerettetes Leben". Lomborg hält es in dem reichen Land USA für möglich, dass man so viel Geld für diesen Zweck aufwendet. Vernünftig ist es nach seiner Auffassung aber nicht. Denn mit 1 Mrd. Dollar kann man auf andere Weise Tausende von Leben retten.

Dann aber kommt Lomborg zu dem eigentlichen Ziel seines Gedankenganges: "Noch schwerer wiegt allerdings die Tatsache, dass der Verzicht auf Pestizide nicht nur Geld kostet. Er wird auch jede Menge Menschen aufgrund von Krebserkrankungen das Leben kosten." Wir alle wissen, dass Obst und Gemüse Krebs entgegenwirken, die berühmte Brokkoli-Studie wurde dereinst an dieser Stelle besprochen. Und Lomborg führt aus, dass Pflanzenschutzmittel Obst und Gemüse innerhalb des Warenkorbes relativ billiger machen, weil sie die Ernteerträge steigern. Dann zitiert er eine Studie des Weltkrebsforschungsfonds, die schätzt, dass die Steigerung des Obst- und Gemüseverzehrs von durchschnittlich 250 auf 400 g pro Tag die gesamte Krebshäufigkeit um rund 23 % reduzieren würde. Der US-Durchschnittskonsum liege bei 297 g. Zum Schluss Lomborg noch einmal wörtlich "Werden durch höhere Preise nur 10 % weniger an Obst und Gemüse verzehrt, dann würden die Krebserkrankungen in den USA um 4,6 % zunehmen, oder es würden 26.000 Menschen zusätzlich an Krebs sterben." Die zitierten Fakten sind alle aus unserer Sicht weit weg und deshalb mit Vorsicht zu betrachten, aber eines belegen sie ganz sicherlich: Es geht nicht darum, ob es irgendwo ein Risiko gibt, die sind überall, es geht darum, die einen Risiken gegen die anderen abzuwägen. Man hat Lomborg Kaltschnäuzigkeit oder "Übertreibung, weil Konvertit" vorgeworfen, das mag bezüglich seiner Schlussfolgerungen richtig erscheinen, aber widerlegen kann man ihn im Grundsatz nicht. Er hat nämlich als Statistiker eines drauf, er zitiert die Studien "der anderen" und bewegt sich mit den Zahlen stets auf der sicheren Seite. Er hätte wahrscheinlich keine Schwierigkeiten, seine Aussagen mit dem Faktor 10 deutlicher zu machen, bleibt aber lieber unangreifbar.